Samstagabend. Svenja, 25 Jahre, hat sich hübsch gemacht: geschminkt, gestylt und ihre coolsten Klamotten angezogen. Sie ist auf dem Weg in die neue angesagte Disco in der Stadt. Nun steht sie vor dem Spiegel und prüft noch einmal ihre Erscheinung. Eigentlich sieht alles perfekt aus und trotzdem überkommt sie plötzlich ein flaues Gefühl. „Bin ich das, die mich da aus dem Spiegel anschaut?“, fragt sie sich plötzlich. Sie überlegt, ob ein anderes Styling nicht besser zu ihr passen würde. Je länger sie darüber nachdenkt, umso mehr verliert sie die Lust auszugehen: „Die anderen werden mich anstarren! Was werden sie von mir denken?“ Jetzt ist es zu spät noch was zu ändern, denn die Freundinnen kommen sie abholen. Mit einem gereizten und unzufriedenen Gefühl kommt sie in der Disco an und ist sich bei jedem Schritt ihrer „Problemzonen“ bewusst. Sie versucht den Bauch einzuziehen und hofft, dass keiner so genau hinsieht und wünscht sich gleichzeitig, alle mögen sie toll finden. Auf der Tanzfläche hat sie nicht wirklich Spaß. Sie weiß gar nicht genau, wie es ihr geht, sie ist nur damit beschäftigt, gegen ihr diffuses ungutes Gefühl anzukämpfen.
Was ist los mit Svenja? Ihr Identitätsgefühl ist nicht genügend gefestigt.
Das Identitätsgefühl eines Menschen entsteht nicht nur über den Intellekt. Das Wissen: ich bin eine junge Frau mit langen Haaren, ich habe eine gut bezahlte Stelle in einer angesehenen Firma, ich habe einen netten, erfolgreichen Freund und eine hilfsbereite Familie, reicht nicht aus, um ein Identitätsgefühl wirklich zu spüren. Es sind nämlich vor allem die Empfindungen aus dem Körper, die ein Identitätsgefühl entstehen lassen. Dazu ist es notwendig, Körperempfindungen wahrnehmen zu können. Es gibt bestimmte psychische Erkrankungen, bei denen die Betroffenen den Kontakt zu ihrem Körper verloren haben und Körperempfindungen nicht mehr richtig wahrnehmen können. PsychologInnen nennen das eine Körperschemastörung. Betroffen sind davon Patienten mit Essstörungen, Psychosen oder psychosomatischen Erkrankungen und Patienten mit traumatischen Erfahrungen. Die Symptome der Körperschemastörung sind bei jeder dieser Erkrankungen anders ausgeprägt, es gibt aber auch Gemeinsamkeiten: Sie empfinden ihren Körper häufig als Feind, denn die Signale des Körpers sind für sie bedrohlich. Oft haben sie kein Gefühl für ihre Körpergrenzen, wissen also nicht, wo sie aufhören und ein anderer Mensch beginnt. Beziehungen mit viel Nähe sind dann schwierig. Manche Betroffenen haben auch das Gefühl, in ihrem Körper befinde sich etwas, das nicht zu ihnen gehört und haben es dann besonders schwer, ihren Körper zu lieben und als zu ihnen gehörend zu empfinden. Die meisten Patienten haben große Schwierigkeiten Gefühle zu spüren, sie kennen z.B. das Gefühl der Enttäuschung, echter Freude, Glück oder Mitgefühl nicht. Manche können zwar Ärger und Wut fühlen, aber nicht zum Ausdruck bringen; manche fühlen auch diese wichtigen Emotionen nicht. Bei Essstörungen zum Beispiel, können die Patienten nicht mehr unterscheiden, ob sie satt sind oder ob noch weiter essen sollen. Die Folge ist, dass sie Angst bekommen, sie könnten zuviel essen und hungern den ganzen Tag. Bei manchen Patienten und Patientinnen bewirkt es das Gegenteil, sie bekommen immer wieder Heißhungerattacken und Fressanfälle. Auf jeden Fall fühlen sie sich immer zu dick, egal welches Gewicht sie haben. Menschen mit einer Körperschemastörung spüren auch nicht, wann sie leicht erschöpft sind und eine Pause bräuchten. Sie arbeiten bis sie zum Umfallen müde sind und überfordern sich ständig, mit der Gefahr ein burn-out-Syndrom (totaler geistiger und körperlicher Erschöpfungszustand) zu erleiden. Ein weiteres wichtiges Symptom der Körperschemastörung ist das Gefühl, der eigene Körper gehöre nicht zu einem selbst dazu. Die Betroffenen empfinden dann ihren Körper als ekelhaft, hassen einige ihrer Körperteile und versuchen ihn möglichst nicht zu spüren. Sie unternehmen viele Aktionen, um den Körper zu „verbessern“: Diäten, exzessives Fitnesstraining, teures Make-up und Kleidung oder sogar Schönheitsoperationen. Diese Maßnahmen bewirken allerdings nicht, dass die Betroffenen sich in ihrer Haut wohler fühlen. Das Problem sitzt nämlich tiefer. Die Seele ist betroffen und die Hilfe muss im Inneren eines Menschen ansetzen. Denn es sind bestimmte Erfahrungen aus der frühesten Kindheit, die dazu führen, dass Menschen den Kontakt zu ihrem Körper verlieren oder gar nie richtig aufgebaut haben. Die Folge der Körperschemastörung ist ein fehlendes Identitätsgefühl. Ihnen allen kann mit einer Kombination aus psychotherapeutischem Gespräch und körperpsychotherapeutischem Vorgehen geholfen werden. Die Ursachen einer Körperschemastörung liegen meist in der frühen Kindheit oder in einem traumatischen Erlebnis. Diese Erfahrungen werden vor allem im „Körpergedächtnis“ abgespeichert und können über ein sprachlich-intellektuelles Vorgehen allein nicht geheilt werden. Die gute Nachricht ist, dass das Körperschema in jedem Alter wieder aufgebaut werden kann. Dazu müssen die Betroffenen langsam dahin geführt werden, dass sie ihren Körper wahrnehmen lernen und auch die Signale richtig deuten lernen. Denn erst durch die Wahrnehmung der Körperempfindungen, ist man in der Lage überhaupt Gefühle zu spüren. Gefühle zu spüren bedeutet sich lebendig und rund zu fühlen, ein „Das bin Ich-Gefühl“ entsteht, also die Identität. Dazu brauchen die Betroffenen am Anfang therapeutische Unterstützung. Besonders gut geeignet sind Kreativtherapien wie Tanz- und Bewegungstherapien, aber auch Mal-, Gestaltungs- und Musiktherapien, die mit einem gesprächsorientierten Therapieverfahren verbunden werden. Die Kreativtherapien verwenden nichtsprachliche Symbole. Diese helfen dem „Körpergedächtnis“ sich auszudrücken. In Kombination mit einem therapeutischen Gespräch baut sich allmählich das Körperschema auf. Erst mit den Gefühlen: ich bin mein Körper; er ist mein Zuhause; ich fühle mich wohl in meinem Körper und akzeptiere ihn so wie er ist; er ist nicht perfekt aber er drückt ganz individuell meine Persönlichkeit aus; entsteht das Gefühl der Identität.