Die Behandlung
der Körperschemastörung in der ambulanten Psychotherapie
Wie
geht es Ihnen?
Lesen
Sie diesen Artikel aus Pflichtgefühl? Haben
Sie noch die geistige Kapazität, um etwas aufzunehmen?
Um
diese Fragen beantworten zu können, mussten Sie einen Moment in sich
hineinhorchen.
Um
sich selbst die Antworten auf meine Fragen geben zu können, können
Sie jetzt nach Worten suchen – oder eine ungewohnte Variante
ausprobieren: Setzen Sie sich so auf Ihren Stuhl, dass die Haltung
Ihre Stimmung und momentane Verfassung ausdrückt.
Wenn
Sie müde sind, dann sitzen Sie jetzt vielleicht zurückgelehnt.
Wenn
Sie geistig erschöpft sind, dann stützen sie eventuell ihren Kopf
auf.
Wenn
Sie begierig sind, aus meinem Artikel etwas Neues zu erfahren, dann
straffen Sie sich vielleicht.
Wagen
Sie es, sich nun wirklich so hinzusetzen und übertreiben Sie das
Ganze theatralisch.
Auf
diesem Weg können Sie Einiges über sich erfahren, ohne dass Sie
gesprochen haben. Und wahrscheinlich sind es mehr Informationen, als
sie durch Worte und Nachdenken gewonnen hätten.
Falls
Sie nun gespürt haben, dass Sie keine Lust haben, diesen Artikel zu
lesen, dann ist es jetzt an der Zeit, dies Seite zu schließen und etwas
Schöneres zu tun.
Warum
habe ich das mit Ihnen gemacht?
Um
Ihrer Verfassung Ausdruck geben zu können, mussten sie ihr
Körpergedächtnis und Ihr Körperschema aktivieren.
Das
Körperschema ist ein Teil der Identität.
Beim
Begriff Identität fallen uns üblicherweise zuerst der Name und das
Geschlecht ein, die Werte und Überzeugungen einer Person und die
Rollen, die jemand in der Gesellschaft innehat.
Die
Identität besteht auch aus einem körperlichen Aspekt – und
das ist das Körperschema.
Das
Körperschema ist nicht bei der Geburt vorhanden, sondern muss sich
erst entwickeln. Und es verändert sich unser ganzes Leben lang.
Die
Entwicklung des Körperschemas Die
frühe Entwicklung eines Kindes geschieht über einen Körperdialog
mit den nahen Bezugspersonen. Im Folgenden wird der Einfachheit
halber die Mutter beispielhaft angeführt.
Eine
für die Entwicklung des Säuglings förderliche Interaktion zwischen
Mutter und Kind ist geprägt von Empathie und prompter adäquater
Reaktion seitens der Mutter. Das Kind erhält dadurch Rückmeldung,
dass seine Körpersignale verstanden wurden (die Mutter kommt, wenn
ich schreie), und dass das Unwohlsein behoben wird (ich kann
Wohlbehagen bewirken). Ebenso wichtig ist die Art der emotionalen
Reaktion der Mutter. Ihr liebevoller Umgang beim Versorgen des Kindes
sowie Trösten und Wiegen wirken als emotionales Containment.i Alles
zusammen gibt dem Kind weitere wichtige Informationen, durch die im
kindlichen Gehirn neuronale Verknüpfungen aufgebaut werden: Die
Körperempfindungen werden mit Gefühlen verbunden (ich bin in
Ordnung, wenn ich schreie, dann bekomme ich Trost und Hilfe).
Zwischen
Mutter und Kind entsteht ein Dialog, durch den die Mutter lernt, die
Signale des Kindes zunehmend besser zu verstehen, und durch den das
Kind lernt, seine zunächst diffusen Körpersignale zu
differenzieren. In diesem Prozess entwickelt sich das Körperschema
in einer Zeit, bevor Sprache und intellektuelles Verstehen sich
entwickelt haben. Die Erfahrungen mit der Mutter werden im
Körpergedächtnis abgespeichert. Das entstehende und sich
entwickelnde Körperschema ist ein Teil der Identität.
Wir
können also zusammenfassen:
Körperempfindungen
+ emotionales Containment + adäquate Reaktionen →
sekundäre
Repräsentation
→
Körpergedächtnis
→
Körperschema
→
Identität
Erlebtes
wird als neuronales Muster (sekundäre Repräsentation) abgespeichert
und bildet das Körpergedächtnis. Aus dem Körpergedächtnis
entsteht das Körperschema als Teil der Identität.
Das
gesunde Körperschema Eine
Person verfügt über ein gesundes Körperschema, wenn sie positive
Gefühle ihrem Körper gegenüber hat, ihn so mag, wie er ist, auch
wenn er nicht perfekt ist.
Sie
hat die Fähigkeit, Körpersignale wahrzunehmen und im Kontext
richtig zu deuten.
Die
Person weiß außerdem, wie sie adäquat auf Körperempfindungen
reagieren muss. Ein gesundes Körperschema zeigt sich auch darin,
dass das eigene Identitätsgefühl mit dem Körper verbunden ist. Sie
hat das grundsätzliche Gefühl, im eignen Körper anwesend zu sein,
bzw. das Gefühl „ich bin mein Körper“.
Entstehung
einer Körperschemastörung Störungen
des Körperschemas können entstehen, wenn die Mutter die kindlichen
Signale nur teilweise erfasst (Unruhe als „spielen wollen“
interpretiert und nicht erkennt, dass das Kind müde ist) und/oder
nicht angemessen reagiert. Das Kind gerät dadurch unter
Dauerspannung.
Da
das Kind in einem solchen Fall im Kontakt mit der Mutter kein
angemessenes emotionales Containment erfährt, kann es auch nicht
erlernen, sich später selbst ein angemessenes Containment zu geben.
Im
Gegenteil, alle Erfahrungen werden im Körpergedächtnis
abgespeichert und bilden die Grundlage für eine Störung. Die
Gefühle bleiben (partiell) diffus und die Körperwahrnehmung wenig
ausdifferenziert. Gleichzeitig ist der emotionale,
überlebensnotwendige Kontakt zur Mutter gestört. Das Kind ist auf
sie angewiesen und wird im Zweifelsfall die eigenen Wahrnehmungen
abschalten, um den Kontakt zur Mutter aufrechterhalten zu können, so
gut es unter den gestörten Bedingungen möglich ist.
Die
Folge ist nicht nur eine eingeschränkte Wahrnehmung der eigenen
Körperempfindungen, sondern eine zunehmende Unfähigkeit, die
eigenen Gefühle richtig wahrzunehmen, und eine starke
Außenorientierung.
Auswirkung
der Körperschemastörung auf Psyche und Körper Die Reduzierung der
Eigenwahrnehmung führt zu veränderten Körperbewegungen und zur
Übernahme von fremden Selbstanteilen.
Die
Behandlung der Körperschemastörung in der ambulanten Psychotherapie
Über
das gesamte Leben hinweg gibt es natürliche Veränderungen, die eine
Neuorganisation des Körperschemas notwendig machen: Wachstum,
Pubertät, Wechseljahre, Altwerden, Krankheiten und Traumata. Der
Mensch ist also grundsätzlich dazu in der Lage, das Körperschema
neu zu organisieren. Diese Fähigkeit nutzen wir in der
körperorientierten Psychotherapie.
Da
das Körperschemaweitgehend nichtsprachlich und meist
vorbewusst ist und sich über Symbole ausdrückt, empfiehlt sich eine
therapeutische Vorgehensweise, die dies berücksichtigt.
Eine
anhaltende Veränderung des Körpererlebens und des Körperschemas
ist erst in einer Integration von Kognition, Emotion und
Körpererleben möglich.
Dazu
habe ich ein dreistufiges therapeutisches Vorgehen entwickelt, das
Körperspürübungen, Symbolisierungsübungen und das anschließende
Reflektieren beinhaltet.
i
Leider gibt es im Deutschen keinen
Begriff, der alles beinhaltet, was das englische Wort Containment
ausdrückt. Unter emotionalem Containment verstehe ich: ein
achtsames Wahrnehmen der Emotionen und ein adäquater Umgang damit.
Dies leistet in der Kindheit die Mutter stellvertretend für das
Kind. Erwachsene sollten die Fähigkeit haben, sich selbst ein
emotionales Containment zu geben, diese Fähigkeit kann mit dem
Begriff „Selbstfürsorge“ umschrieben werden.