Ein Beispiel aus der Praxis: „Genussübung
mit einer Orange“
Ein
gesundes Essverhalten zeigt sich darin, gesunde Nahrungsmittel zu
sich zu nehmen und für eine angenehme Essensituation zu sorgen. Wenn
Essgestörte wieder lernen ihre Sinne beim Essensvorgang
einzuschalten und nicht nur hinunterschlingen, können sie genießen
und Heißhungerattacken werden weniger auftreten.
Viele
KlientInnen (und nicht nur sie) ernähren sich überwiegend von Fast
Food, was an jeder Ecke angeboten wird; sie nehmen sich keine Zeit
zum Essen. Da sie nicht mehr schmecken, verlernen sie zu spüren, was
ihnen gut tut, und Hunger sowie Sättigungsgefühl werden
durcheinandergebracht. Sie können kaum spüren, ob sie satt sind,
oder wonach ihr Körper eigentlich verlangt.
Vor
allem Übergewichtige essen, was ihnen vorgesetzt wird. Die Menge im
Restaurant wird auf dem Teller serviert und sie essen sie einfach
vollständig auf. Dabei wäre es wichtig, genau hinzuspüren, ob sie
vielleicht schon vorher satt sind. Viele Fertiggerichte sind
überwürzt und mit Geschmacksverstärkern versehen. Die
Geschmacksnerven werden getäuscht und damit auch das
Sättigungsgefühl. Viele KlientInnen berichten, dass es kaum mehr
gemeinsame Mahlzeiten gibt, sie essen während des Fernsehens oder im
Gehen auf der Straße schnell etwas nebenbei.
Nahrung
ist für unsere essgestörten KlientInnen mit großen Ängsten
verbunden. Essen heißt für sie fett werden. Sie essen entweder so
wenig wie möglich, aber auch so unbewusst wie möglich. Auch
Anorektikerinnen, die stundenlang vor dem Teller sitzen, schmecken
nicht, was sie zu sich nehmen.
Es
ist eine schöne Erfahrung, die Sinne bewusst einzuschalten und
wahrzunehmen, wie eigentlich ein Lebensmittel schmeckt.
Die
Genussübung regt dazu an, in kleinen Schritten vorzugehen, alle
Sinne einzuschalten: Sehen, Riechen, Fühlen (Anfassen), Schmecken.
Der
Vorgang des Essens wird dabei in kleine Schritte unterteilt:
Die
Lippen spüren, die Zähne, das Innere des Mundes. Das Beißen ist
bei jedem Lebensmittel ein anderes Erlebnis. Ebenso geht das
Schlucken anders vonstatten, je nachdem, was wir gekaut haben.
Wenn
Sie selbst diese Übung machen, werden Sie erstaunt sein, wie viele
unterschiedliche Wahrnehmungen Sie bei dieser kleinen Übung haben
werden. Wahrnehmungen, die sonst ausgeblendet sind.
Ein
gesundes Gefühl zum Essen, zu Lebensmitteln und zum eigenen Körper
kann damit angeregt werden.
Über
die Sinne können wir uns bewusster werden. Die Gefahr ständig
Gerichte zu uns zu nehmen, die uns eigentlich nicht gut tun, wird
dadurch geringer.
Die
Übung, die Sinne bewusst einzusetzen, kann Ihren KlientInnen eine
neue intensive Erfahrung verschaffen, dass die Nahrungsmittel voller
Überraschungen sind.
Die
anschließenden kleinen Gedichte oder Geschichten helfen den
KlientInnen, die Erfahrungen tiefer gehend zu verarbeiten. Dadurch
bleibt die sinnliche Erfahrung länger im Gedächtnis und
Veränderungen können eingeleitet werden (symbolische Stufe).
Genussübung mit einer Orange Benötigtes
Material: Orange, Apfel,
Erdbeeren o.ä. je nach Saison. Oder aufgeschnittene Salatgurke. (Ich
habe diese Übung auch schon mit reinem Leitungswasser angeleitet,
die Ergebnisse sind verblüffend.) Servietten.
Papier
und Schreibzeug.
Dauer:
ca. 20 Minuten.
Ablauf:
Die
Klientin bekommt eine
Fruchtsorte, bei kleinen Früchten, wie z.B. Erdbeeren sind mehrere
Früchte notwendig.
Anleitung
für TherapeutInnen:
Lesen
Sie die Fragen einzeln vor und lassen Sie den Klientinnen jeweils
etwa eine halbe Minute Zeit zum Beobachten. Danach sollen sie zu
jeder Frage ein bis zwei Begriffe notieren.
„Ich
stelle Ihnen jetzt einige Fragen. Beißen Sie noch nicht hinein!
Schreiben
Sie sich zu jeder Frage ein bis zwei Begriffe auf.
-
Schauen Sie sich die Frucht genau an: Wie sieht sie aus? Entdecken
Sie etwas Neues?
-
Wie riecht sie?
-
Wie fühlt sie sich an? Mit geschlossenen Augen befühlen.
-
Mit den Lippen spüren. Noch nicht hineinbeißen!
-
Wie ist ihre Konsistenz beim Reinbeißen?
-
Wie fühlt sich die Frucht auf Zunge, Lippen, Gaumen an?
Beim
nächsten Reinbeißen beobachten -
Wie kauen Sie, wo kauen Sie?
-
Wie rutscht die Frucht hinunter? Wie spüren Sie es in der Kehle? Im
Magen?
-
Wie ist der Nachgeschmack?
Nehmen
Sie nun die Begriffe, die Sie notiert haben und schreiben ein kleines
Gedicht oder eine Geschichte daraus.
Überschrift:
z.B.: „Die Orange“
Hier
zwei Ergebnisse aus meiner Praxis:
Goldorange Ihr Duft, ein
unwiderstehlicher, satter Duft nach Wärme, Sommer, Sonne,
Süden. Ihr Saft baut mir eine Brücke über einen
Abgrund, erfüllt die blaue Stunde mit einer kleinen
Zuversicht.
Die
Klientin sagt dazu: „Wie
die Körperarbeit auf mich wirkt: wie eine Offenbarung ... wie das
Betreten eines absoluten Neulandes … Ich erlebe große
Überraschungen in Bezug auf die Intensität von Empfindungen in, auf
meinem Körper ...Sehr, sehr wohltuend ... Ich staune immer wieder
darüber … Aber: Ich brauche eine Anleitung dazu … noch … Kann
mir das - noch - nicht selbst vermitteln.“
Als
„Hausaufgabe“ hat eine andere Klientin die Genussübung mit Quark
gemacht. Sie hat ein Elfchen gedichtet. (Ein Elfchen besteht aus elf
Worten. In der ersten Zeile steht ein Wort, in der zweiten zwei, in
der dritten drei, in der vierten vier Worte und in der letzten Zeile
wieder nur ein Begriff).
weich flutscht weg glänzt
cremig weiß samtig leicht und sahnig quark
Sie
sagt dazu: „Ich fühle
mich hinterher (nach einer Körperübung) fast immer leichter,
beschwingter, mehr bei mir. Und wenn ich die Körperübungen zu Hause
wiederhole, speziell das langsame Hände- und Füße-Eincremen, tut
mir das gut und ich freu mich (wieder) an diesen Körperteilen.“