KörperReich: Der Körper in der ambulanten Psychotherapie

Ausschnitt aus einem Artikel in "Forum Psychotherapeutische Praxis" 2006, Hogrefe Verlag


Theorie zur Entstehung des Körperschemas und der Körperschemastörung und die Behandlung in der ambulanten Praxis am Beispiel Essstörungen


Louisa (20 Jahre), (Namen verändert. Alle Beispiele und Zitate stammen von Klientinnen aus meiner Praxis) hat ihre Anorexie anscheinend überwunden: Sie ist erleichtert, dass das zwanghafte Bedürfnis zu Hungern aufgehört hat. Sie kann wieder in Gesellschaft essen und hat ein normales Gewicht erreicht, wobei sie immer noch sehr schlank ist (BMI 20). Die Konflikte mit ihren Eltern sind ihr weitgehend bewusst, sie konnte sich von zu Hause abnabeln und ist ihrem Alter entsprechend selbständig. Sie studiert und hat einen festen Freund. Louisa hat gelernt, sich zu entspannen und geht nicht mehr allen Konflikten aus dem Weg denn sie kann sich besser durchsetzen. Auf den ersten Blick könnte man meinen, sie sei gesund geworden. In einem Gespräch erzählt sie, dass sie immer noch Regeln beim Essen aufstelle. Es sei nicht mehr so extrem wie früher, aber sie sei nie entspannt beim Essen und achte immer noch darauf, dass ihr Gewicht nicht steigt. Nun ist Sommer und sie wolle mit ihrem Freund ans Meer fahren. Sie berichtet von einer großen Unsicherheit, am Strand zu sein, Bikini zu tragen und von anderen gesehen zu werden. Es ist ihr eine große Anspannung anzumerken während sie über ihren Körper spricht. Louisa fühlt sich nicht sicher in ihrer Haut und mag ihren Körper nicht, wobei sie gar nicht genau sagen kann, was ihr nicht behagt. Sie denkt über eine kleine Abmagerungskur nach, weil sie die Fantasie hat, sie würde sich vielleicht sicherer fühlen, wenn sie noch ein paar Kilos weniger hätte. Sie weiß aber nach ihrer Therapieerfahrung, dass das bereits ein Alarmzeichen für einen Rückfall sein könnte.

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Definition der Körperschemastörung und die Notwendigkeit einer gezielten Behandlung in der ambulanten Praxis:

Louisa leidet an einer Körperschemastörung, ein Symptom, dass in den Diagnosesystemen für Essstörungen mit „Angst vor dem Dicksein„ (ICD 10) und „Selbstwertgefühl wird übermäßig durch die subjektive Wahrnehmung der eigenen Figur und des eigenen Körpergewichts beeinflusst“ (DSM IV) beschrieben wird.

Der Leidensdruck der betroffenen Frauen und Mädchen geht über das normale Maß von Unzufriedenheit über das eigene Aussehen, das auch durchschnittliche Frauen haben, hinaus. In Verlaufsstudien zeigt sich, dass die Körperschemastörung von allen Symptomen der Essstörungen am längsten erhalten bleibt.

Zu einer umfassenden und erfolgreichen Behandlung von Essstörungen gehört die Veränderung des Essverhaltens, die Bearbeitung der zugrunde liegenden Konflikte und die Behandlung der Körperschemastörung. Nonverbale spezifische körpertherapeutische Techniken in Kombination mit Gesprächspsychotherapie erweisen sich in der Behandlung als erfolgreicher als ein unimodales Vorgehen.

Im Gegensatz zur klinischen Behandlung ist ein solches multimodales Therapieangebot in der ambulanten Praxis (auch aus abrechnungsrechtlichen Gründen) nicht selbstverständlich. Es mangelt an Informationen und Fortbildungen über konkrete Körpertechniken, um das Körperschema bei essgestörten Klientinnen zu verändern (Vandereycken, 1989; Foster, 2001).

Eine anhaltende Veränderung des Körpererlebens und des Körperschemas ist erst in einer Integration von Kognitionen, Emotionen und Körpererleben möglich.
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Ein gesundes Körperschema ist geprägt von:

- positiven Gefühlen dem eigenen Körper gegenüber

- der Fähigkeit Körpersignale wahrzunehmen und im Kontext richtig zu deuten 
- dem Wissen, wie ich adäquat auf Körperempfindungen reagieren kann

- einem Identitätsgefühl, das mit dem Körper verbunden ist.

Ein gestörtes Körperschema zeigt sich in:

- stark negativen Gefühlen dem eigenen Körper oder Körperteilen gegenüber
- nicht oder falsch wahrgenommenen Körpersignalen und/oder falsch gedeuteten  Körperempfindungen
- flache oder eingeschränkte Wahrnehmung von Gefühlen
- stereotypen Umgang mit sich selbst
- einem unsicheren Identitätsgefühl

Störungen entstehen oft schon in den frühen Entwicklungsjahren, aber auch in späteren Jahren und im Erwachsenenalter ist das Körperschema durch bestimmte Erfahrungen (Pubertät, Altern, Krankheit, Gewalterfahrungen) anfällig für Störungen, weil es sich ständig verändern muss.

Gezielte therapeutische Intervention:

Aus dem Verständnis darüber, wie sich das Körperschema bildet können Möglichkeiten zur therapeutischen Intervention abgeleitet werden.

Über Sprache und intellektuelles Verstehen allein können wertvolle Einsichten über den Körper gewonnen werden, streben wir aber eine Veränderungen des subjektiven Erlebens des eigenen Körpers an, ist das auf diesem intellektuellen Weg nicht oder nur schwer möglich. 

Die einzelnen therapeutischen Elemente, die dazu beitragen, ein Körperschema zu verändern:

1. Neuer Input durch gezielte Übungen um den Körper zu spüren und mit den Sinnen zu erleben. Dadurch werden die Körperempfindungen geweckt, gestärkt, ihre Wahrnehmung allmählich zugelassen.

2. Den Körper wertfrei spüren und bewegen, mit Achtsamkeit behandeln. Die fehlende mütterliche Empathie durch Mitgefühl mit sich selbst ersetzen.

3. Symbole für das Erlebte finden. Z.B. mit bewussten Bewegungen, Symbole auswählen oder Farben und Formen aus dem Erleben heraus gestalten. Danach die Gefühle und das Gestaltete mit Begriffen beschreiben. Diese intellektuelle Verarbeitung des Erlebten schafft ein emotionales Containment.

4. Zusammenhang zwischen dem Erfahrenen, den Konflikten und dem aktuellen Verhalten herstellen. Dies schafft die Integration von Fühlen, Denken und Handeln. Veränderungen und Selbstfürsorge werden danach möglich und können geübt werden.

Diese Vorgehensweise lässt sich in eine ambulante verhaltenstherapeutische oder tiefenpsychologische Psychotherapie integrieren. Die gesprächspsychotherapeutische Behandlung wird vertieft und erweitert in den Bereich des Körpers hinein. Nonverbale frühe und auch später entstandene psychopathologische Mechanismen werden erst durch die Beachtung des Körpererlebens und die Arbeit mit den Ausdrucksmöglichkeiten des Körpers verstehbar und veränderbar. Louisa erlebt ihren Körper heute als einen eigenen in dem sie wohnen. Erstaunt sagte Louisa über ihren Körper: „Das bin ja ich, das gehört alles zu mir dazu. Es ist wie nach Hause kommen."